Kritikfähigkeit lernen: So gehst du im Job professionell mit Kritik um
Hannes Jarisch
Hannes Jarisch | Autor & Karriere-Experte bei Glassdoor | 23. Mai 2024
Kritikfähigkeit ist in zahlreichen Jobs eine wichtige Eigenschaft, unter anderem gegenüber Vorgesetzten und Kolleg:innen. Auch im Umgang mit Kund:innen ist es wichtig, kritikfähig zu sein und stets die Ruhe zu bewahren. Sicher hast du im Laufe deiner Karriere bereits festgestellt: Das ist nicht immer einfach. Lies hier, wie du konstruktiv mit Feedback umgehst und Kritikfähigkeit lernst.
Definition: Was bedeutet Kritikfähigkeit?
Unter „Kritikfähigkeit” versteht man die Fähigkeit einer Person, konstruktiv mit Kritik umzugehen. Im weiteren Sinne gehört zu Kritikfähigkeit auch die Kompetenz, eigene Kritik gegenüber anderen Personen in konstruktiver Weise zu äußern.
„Kritik ist eigentlich nichts Besonderes, sondern sehr wichtig um Umgang miteinander und in der Zusammenarbeit.“
Walter Feichtner, Karrierecoach
Beispiele für konstruktive Kritik im Berufsleben
Im Arbeitsleben bist du in den meisten Jobs sehr häufig der Meinung anderer Personen ausgesetzt. Deine Arbeitsleistung wird von Kolleg:innen, deinem Chef oder deiner Chefin und von Kund:innen bewertet. Wenn diese Kritik positiv ausfällt, hast du damit sicher kein Problem. Anders sieht es aus, wenn du dich negativer Kritik gegenüber siehst.
Auch bei negativer Kritik ist es natürlich wichtig, dass diese konstruktiv geäußert wird.
„Kritisiert zu werden ist auf den ersten Blick nie schön, aber trotzdem sehr wichtig“, sagt Walter Feichtner. „Ein ehrliches und auch kritisches Feedback kann viel bewirken, wenn beide Seiten dies richtig tun und auch einschätzen. Kritik kann man sehr gut nutzen, um Dinge beim nächsten Mal anders anzugehen und sich der Wirkung des eigenen Tuns bewusst zu werden.“
Beispiel 1 - Kritik von Vorgesetzten
Deine Chefin äußert sich zum Inhalt deiner Präsentation im Meeting: „Ich glaube, dass Sie den Fokus in Projekt A ein wenig falsch gesetzt haben. Bitte erarbeiten Sie bis nächste Woche einen neuen Vorschlag dazu, wie wir die Kosten in Projekt A senken können.“
Beispiel 2 - Kritik von Kolleg:innen
Eine Kollegin bittet dich, in Zukunft schneller auf Ihre E-Mails zu antworten:
„Es wäre super, wenn du alle zwei Stunden in dein E-Mail-Postfach schauen könntest, damit in der Kommunikation mit dem Kunden keine unnötige Verzögerung entsteht.“
Beispiel 3 - Kritik von Kund:innen
Eine Kundin ist unzufrieden darüber, wie sich die Zusammenarbeit gestaltet:
„Ich freue mich zwar, dass ich von Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen regelmäßig nach meinem Feedback gefragt werde, aber ich habe das Gefühl, dass sich in unserer Zusammenarbeit überhaupt nichts ändert.“
7 Tipps, wie du Kritik am besten annimmst
Klar ist: Es ist nicht immer angenehm, diese Kritik zu hören, auch wenn sie berechtigt ist.
Menschen mögen keine negative Kritik an sich selbst. Die Reaktionen darauf gleichen sich häufig: Auch konstruktiv formulierte Kritik wird oft als Angriff verstanden, den man abwehren muss. Außerdem versucht der oder die Kritisierte häufig, das erhaltene Feedback direkt zu entkräften und sich selbst zu rechtfertigen. Die häufige Folge: unnötige Konflikte am Arbeitsplatz.
Aber es geht auch anders. Die besten Tipps für den Umgang mit Kritik findest du hier.
Tipp 1: Aufmerksam zuhören
Anstatt bei Kritik direkt in die Offensive zu gehen, solltest du dich selbst ein Stück zurücknehmen. Lass dein Gegenüber auf jeden Fall aussprechen, auch wenn die Kritik deiner Meinung nach unsachlich oder ungerechtfertigt ist.
„Kritik bzw. Feedback sind wichtig, denn die eigene Sichtweise allein reicht nicht“, sagt Walter Feichtner. „Bleib immer ruhig und hör aufmerksam zu, ohne dich direkt zu verteidigen.“
„Am besten atmest du einige Male tief durch“, sagt Karriereberater Hans-Georg Willmann. „Zunächst musst du ja verstehen, um was es genau geht. Es bietet sich beispielsweise an, die Kritik an dir nochmal gegenüber deiner Gesprächspartnerin oder deinem Gesprächspartner zu wiederholen. So stellst du sicher, dass du das Gesagte auch wirklich richtig verstanden hast. Eventuelle Missverständnisse lassen sich so direkt ausräumen.“
Tipp 2: Beschäftige dich mit der Kritik
Im nächsten Schritt ist es wichtig, dass du dich mit den geäußerten Punkten auseinandersetzt. Sei dabei wirklich ehrlich: Ist an der Kritik etwas dran? Welche Aussagen sind gerechtfertigt? Nimm dir dafür ruhig etwas Zeit.
„Überdenke die Kritik lieber mit etwas Abstand und nicht direkt, nachdem sie geäußert wurde.“
Walter Feichtner, Karrierecoach
Deine Antwort an der Kritik könnte zum Beispiel so aussehen:
„Danke für deinen Input. Lass uns da nächste Woche doch noch einmal in Ruhe drüber reden, ich habe gerade wenig Zeit.“
Tipp 3: Ergründe die Absicht hinter der Kritik
Stell dir stets die Frage, warum überhaupt Kritik an dir geäußert wird:
- Vorgesetzte wollen, dass ihre Mitarbeiter:innen die bestmögliche Leistung abliefern
- Mitarbeiter:innen wollen mit angenehmen und kompetenten Kolleg:innen zusammenarbeiten
- Kund:innen wollen eine hochwertige Leistung erhalten
Versetz dich in die Lage der Person, die dich kritisiert und versuche, ihre Motive zu ergründen.
Außerdem ist es hilfreich, andere Personen nach ihrer Meinung zu diesem Thema zu befragen. Was denken beispielsweise andere Kolleg:innen?
Tipp 4: Arbeite stets auf eine Lösung des Problems hin
Niemand wird gerne kritisiert. Allerdings erhältst du durch die geäußerte Kritik die Chance, es in Zukunft besser zu machen.
Der Austausch mit deinen Kritiker:innen ist perfekt geeignet, um eine Lösung für das bestehende Problem zu erarbeiten.
Tipp 5: Nimm berechtigte Kritik an
Du hast festgestellt, dass du tatsächlich einige Dinge in deinem Verhalten oder deiner Arbeitsweise verbessern könntest?
Dann nimm die Kritik an und kommuniziere das auch klar nach außen, zum Beispiel so: „Danke für dein Feedback letzte Woche. Ich habe darüber nachgedacht und werde versuchen, Punkt x in Zukunft anders anzugehen.“
Bei größerem Fehlverhalten deinerseits ist vielleicht auch eine direkte Entschuldigung angebracht.
Tipp 6: Reagiere auch auf ungerechtfertigte Kritik
Du bist der Meinung, dass du für einige Dinge zu unrecht am Pranger stehst? Dann solltest du das nicht einfach ignorieren, sondern auch hier das Gespräch suchen, anstatt die Vorwürfe unkommentiert im Raum stehen zu lassen.
„Bleib auch bei ungerechtfertigter Kritik ruhig und werde im Gespräch auf keinen Fall persönlich“, rät Walter Feichtner. „Frage am besten nach konkreten Beispielen oder Ereignissen, um die Grundlage der Kritik zu verstehen. Selbstverständlich kannst du höflich deine eigene Sichtweise darlegen und eventuell zusätzliche Informationen bereitstellen.“
„Für solche Situationen ist es hilfreich, wenn man sich einen passenden Satz zurechtgelegt hat“, sagt Hans-Georg Willmann. „Zum Beispiel: „Ich sehe das anders. Erklärst du mir bitte noch einmal, was genau du an meinem Verhalten kritisierst?“ Diese Technik nennt man Präzisierend nachfragen.“
Aber was tun, wenn die Gegenseite deine Argumente einfach nicht hören will?
„Falls du merkst, dass das Gespräch zu keiner konstruktiven Lösung führt, solltest du es zu einem späteren Zeitpunkt in einem ruhigeren Umfeld fortsetzen“, sagt Walter Feichtner. „Ein wenig Abstand schadet nicht.“
Wichtig: Achte auf deine Körpersprache, wenn du im persönlichen Gespräch auf Kritik reagierst. Vermeide verschränkte Arme und einen verkniffenen Gesichtsausdruck. Du kommst viel besser rüber, wenn du stattdessen hier und da ein Lächeln in deine Ausführungen streust.
„Bedanke dich auch dann für konstruktiv geäußerte Kritik und zeige Bereitschaft zur Verbesserung, wenn du nicht zu 100 % der gleichen Meinung bist.“
Walter Feichtner, Karrierecoach
Tipp 7: Nimm die Kritik nicht persönlich
Geh stets davon aus, dass die geäußerte Kritik eines Vorgesetzten oder von Kolleg:innen und Kund:innen sich nicht auf dich als Mensch bezieht, sondern auf deine Performance im Job.
Wie kann man Kritik üben?
Das Wort Kritikfähigkeit bezieht sich nicht nur darauf, dass du an dir geäußerte Kritik annimmst, sondern auch auf deine eigene Fähigkeit, selbst konstruktive und sachliche Kritik an anderen zu üben.
Dabei gilt die Grundregel: Kritisiere andere so, wie du selbst gerne kritisiert werden möchtest.
„Das zielgerichtete Kritisieren erfordert definitiv Fingerspitzengefühl. Du solltest dich dabei stets in die andere Person hineinversetzen.“
Walter Feichtner, Karrierecoach
Hans-Georg Willmann ergänzt: „Das Ganze sollte nach vorheriger Ankündigung in einem vertrauensvollen Rahmen stattfinden– also nicht vor der ganzen Mannschaft.“
Selbst Kritik zu äußern ist nicht immer angenehm, aber mit den folgenden Tipps stellst du sicher, dass eine konstruktive Lösung in Reichweite ist.
Formuliere Kritik auf fachlicher, inhaltlicher Ebene
Begib dich niemals auf die persönliche Ebene, wenn du Kritik an einer Kollegin oder einem Kollegen äußerst.
Walter Feichtner sagt: „Anschuldigungen sind meist verletzend und bringen nicht das richtige Ergebnis.“
Deine Wortwahl und Ausdrucksweise spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, wie unser Experte klar stellt:
„Verwende idealerweise Ich-Botschaften, um deine eigenen Beobachtungen und Gefühle klar zu kommunizieren und zu verdeutlichen, dass du deine eigenen Ansichten nicht für die allgemeine Wahrheit hältst.“
Verallgemeinere nicht, sondern beziehe die Kritik auf eine konkrete Situation
Walter Feichtner: „Sei möglichst spezifisch und benenne das konkrete Ereignis oder Verhalten, auf welches deine Kritik bezogen ist. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern zu beschreiben, klar zu formulieren und konkrete Beispiele zu nennen.“
Biete direkt eine Lösung an
Kritik wird meistens sehr viel besser angenommen, wenn du sie direkt mit einem Lösungsvorschlag verbindest.
„Richte den Blick nach vorne und biete konkrete Vorschläge zur Verbesserung an.“, sagt Walter Feichtner. „Veranschauliche das gemeinsame Ziel: Eine Lösung, mit der alle Beteiligten zufrieden sind. Keinesfalls solltest du versuchen, deinen Kollegen oder deine Kollegin von deiner Lösung zu überreden.“
Beispiel für konstruktiv geäußerte Kritik
Wie sieht es jetzt in der Praxis aus, wenn du die genannten Tipps umsetzt? Das veranschaulicht ein Beispiel von unserem Bewerbungsexperten Hans-Georg Willmann.
Zunächst ein Beispiel dafür, wie man Kritik am Arbeitsplatz nicht äußert:
„In der Teambesprechung vor allen Kolleg:innen sagt Andrea zu Tom: „Du bist einfach immer so unzuverlässig!“
Stattdessen solle die Kritik beispielsweise so geäußert werden:
„Im Vieraugengespräch sagt Andrea zu Tom: „Ich benötige für die Weiterbearbeitung im Kundenprozess jede Woche bis Mittwoch die Information X von dir. Wenn ich diese Information nicht bekomme, haben wir eine Umsatzeinbuße. In den vergangenen vier Wochen konnte ich nur mit Zeitverzögerung weiterarbeiten weil, anders als wir das abgesprochen haben, ich die Information drei Mal gar nicht und einmal zu spät bekommen habe. Wie können wir sicherstellen, dass du mir die notwendigen Informationen pünktlich lieferst?“
Kritikfähigkeit im Job lernen: Mit unseren Tipps und ein wenig Übung ist das kein Problem!
Kritikfähigkeit zu lernen macht dir den Alltag im Job auf jeden Fall leichter. Dabei geht es nicht nur darum, Kritik annehmen zu können, sondern diese auch konstruktiv selbst zu äußern. Mit unseren Tipps zur Kritikfähigkeit im Job bist du auch auf brenzlige Situationen sehr gut vorbereitet.
Kritikfähigkeit ist einer der wichtigsten Soft Skills in vielen Jobs. Wenn du noch mehr Tipps zu anderen Soft Skills lesen willst, dann schau dir unseren großen Soft Skill-Artikel mit 45 Beispielen an!
Hans-Georg Willmann
Seit über 20 Jahren begleitet Hans-Georg Willmann Menschen bei der Verwirklichung ihrer Karriere- und Lebensziele. Als Personalauswahl-Experte und Karriereberater unterstützt er Absolvent:innen bei der Berufswegplanung und Fach- und Führungskräfte bei beruflichen Veränderungen.
Foto (c) Alex Jung

Walter Feichtner
Walter Feichtner ist Dipl.-Kulturwirt und Inhaber von Karrierecoach München. Als Coach und Berater ist er Experte für alle Fragen rund um das Thema Karriere und den Bewerbungsprozess. Außerdem ist er an über 30 Unis und Fachhochschulen als Gastdozent tätig.

Hannes Jarisch
Hannes Jarisch ist Karriere-Experte für den Glassdoor-Blog. Erfahren Sie auf dem Autorenprofil mehr über seine langjährige Erfahrung und bisher veröffentlichte Artikel.



